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Nacht und Nebel (Nuit et brouillard, Jean Ferrat)

November 24th, 2009

Nacht und Nebel
(Jean Ferrat / dt. D. Kaiser 2009)

Sie waren zwanzig und weit mehr,
es kamen Tausende her,
in diesen Waggons mit Gittern,
nackt und mager, voll Zittern.
Die Nachtruh zersägen
ihre trommelnden Nägel.
Es kamen Tausende her,
s’ waren zwanzig und weit mehr.

Menschen waren’s mit Kummer,
doch sie waren nur noch Nummern.
Schon lang hatten Würfel
ihr Schicksal entschieden.
Wenn die Hand zeigt, ja der,
ist er so gut wie verschieden.
Ihm war dann nie mehr
ein Sommer beschieden.

Die monotone Flucht,
die ohne Hast versucht,
den Tag zu überleben,
eine Stund’ zu erstreben.
Wie lang läuft das Rad noch,
hält an und wieder fährt,
ohne inne zu halten
und doch wieder Hoffnung nährt.

Sie hießen Jean-Marie,
Samuel, Natascha.
An Jesus glaubten sie,
Vichnou und Jehova.
Andre beteten nicht,
Gott im Himmel gab es nie.
Sie wollten einfach nicht
mehr runter auf die Knie.

Es trafen lang nicht alle
am Ziel der Reise ein.
Können Entkommene
dann wirklich glücklich sein?
Sie suchen zu vergessen,
erstaunt, dass mit den Jahren
ihre Venen unterdessen
so blau geworden waren.

Es bewachten sie Deutsche
oben hoch von dem Turm.
Der Mond blieb dabei stumm,
so wie Ihr bliebet stumm.
Weithin schweifte ihr Blick,
nach draußen ging ihr Blick.
Dann war euer Körper zart
für die Hunde der Wacht.

Die Worte sagt man heut,
die sind wert keinen Deut.
Ich soll nur Lieder singen,
die aus Liebe erklingen.
Und Blut schnell trocken wird,
wenn es Geschichte wird,
und dass es nichts mehr bringt,
wenn meine Gitarre erklingt.

Wer will Manns genug sein,
mir zu sagen “Halt ein“?
Menschlich wurde der Schatten,
Nun, da wir Sommer hatten.
Ich bezwinge das Wort,
wenn Zwang denn sein muss,
damit die Kinder mal wissen,
wer Ihr wart, Dienst beflissen.

Ihr wart zwanzig und weit mehr.
Ihr kamt zu Tausenden her,
in diesen Waggons mit Gittern,
nackt und mager, voll Zittern.
Die Nachtruh zersägen
eure trommelnden Nägel.
Ihr kamt zu Tausenden her,
Ihr wart zwanzig und weit mehr.

So mit der Zeit (Avec le temps, Léo Ferré, dt. D. Kaiser)

March 27th, 2009

So mit der Zeit (Avec le temps)
(Léo Ferré / dt. D. Kaiser)

So mit der Zeit . . .
So mit der Zeit, geht alles hin.
Man vergisst das Gesicht
und die Stimme entwischt.
Wenn die Liebe erlischt,
braucht man gewiss nicht weiter suchen gehn.
Man lässt’s geschehn und wird’s verstehn.

So mit der Zeit . . .
So mit der Zeit, geht alles hin.
Der, den man verehrte
und ging im Regen orten,
der Andre, den man ahnte hinter jedem Blick,
zwischen den Zeilen ,  zwischen den Worten,
unter der Schminke eines Schwurs, wie ein Trick,
der geht in die Nacht und versiegt.
So mit der Zeit, all das verfliegt.

So mit der Zeit . . .
So mit der Zeit, geht alles hin.
Die schönste Erinnerung sieht wie ’ne Fratze aus.
Aus dem Verkaufsregal wühl ich den Tod heraus,
Am Samstagabend, wenn Zärtlichkeit
von selbst kühlt aus.

So mit der Zeit . . .
So mit der Zeit, geht alles hin.
Der, an den man glaubte,
für nichts und wieder nichts.
Der, dem man Dunst gab,
und der doch Schmuck erhält,
für den man die Seele
verkauft hätt’ für wenig Geld,
vor dem man her krauchte,
wie’s ein armer Hund tut.
So mit der Zeit, wird alles gut.

So mit der Zeit . . .
So mit der Zeit, geht alles hin.
Man vergisst seine Lust
und die Stimmen, unbewusst,
die dir sagten ganz schlicht
die Sprüche einfacher Leut’:
Komm nicht so spät heim, heut.
Gib Acht. Erkält dich nicht.

So mit der Zeit . . .
So mit der Zeit, geht alles hin.

Man fühlt sich ausgemergelt wie ein geschundner Gaul.
Man fühlt sich eisigkalt in einem Bett irgendwo.
Man fühlt sich einsam,  vielleicht alt,
doch gleichgültig, und sich betrogen gar,
um die verlornen Jahr.
Und dann, fürwahr.
So mit der Zeit, . . . ist die Liebe weit.

Les feuilles mortes von J. Prévert singbar auf Deutsch

August 6th, 2008

Das welke Laub
(J. Prévert / dt. D. Kaiser)

Oh! Wie wär’ ich froh, du würdest dich entsinnen
Der Zeit des Glücks und unsrer Freundschaft Zeit.

Das Leben war zu jener Zeit viel schöner.
Die Sonne brannte heißer noch als heut’.

Mit Schaufeln fegt man weg das Laub nach der Saison.
Du siehst, ich vergaß nichts davon.

Mit Schaufeln wird das welke Laub gesammelt,
Erinnerung und Trennungsleiden auch.
Und der Nordwind trägt sie hin
In des Vergessens eiseskalte Nacht.

Du siehst, vergessen habe ich nicht,
das Lied, das du sangst, für mich.

Es ist ein Lied, das uns sehr ähnelt.
Du liebtest mich, ich liebte dich.
Wir lebten beide, wie angebändelt.
Ich liebte dich, du liebtest mich.
Doch das Leben trennt, die die sich lieben,
so nach und nach, und ohne Krach.
Aus dem Sande löschen die Gezeiten
Die Spur der Liebe, die zerbrach.

Mit Schaufeln wird das welke Laub gesammelt,
Erinnerung und Trennungsleiden auch.
Doch still und treu war und ist meine Liebe.
Sie lächelt und verdankt dem Leben mehr.
Du warst so schön. Ich liebte dich so sehr.
Wie könnte ich dich je vergessen?

Das Leben war zu jener Zeit viel schöner.
Die Sonne brannte heißer noch als heut’.
Du warst die süßeste Freundin . . .
Doch ich weiß nicht, wohin mit dem Leid.
Dein Lied, das mich konnte betören,
Immer und ewig werd ich’s hören.

C’est une chanson qui nous ressemble.
Toi, tu m’aimais et je t’aimais
Et nous vivions tous deux ensemble,
Toi qui m’aimais, moi qui t’aimais.
Mais la vie sépare ceux qui s’aiment,
Tout doucement, sans faire de bruit
Et la mer efface sur le sable
Les pas des amants désunis.